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Huber, Michaela
Multiple Persönlichkeiten
Seelische Zersplitterung nach Gewalt

1. Auflage, 2010.06.23
320 Seiten, Kartoniert
Format: 17.0 x 24.0cm
ISBN: 3-87387-645-0
ISBN 13: 978-3-87387-645-3

28,90 EUR
»Ich habe immer gedacht, ich bin verrückt. Manchmal fehlten mir Stunden oder Tage, und ich wusste nicht, was in der Zeit passiert war. Und dann begann ich auch noch, Stimmen zu hören. Ich habe wirklich gedacht, ich bin verrückt.« Doch Sarah S. ist nicht verrückt. In ihr leben Anna, Herta, Lolita und Tom, kleine Kinder und starke männliche »Beschützer«, insgesamt über 50 »Personen«. Sarah ist ihre »Gastgeberin«, die im Alltag die meiste Zeit den Körper nach ihrem Bewusstsein steuern konnte. Sarah ist eine multiple Persönlichkeit. Ihre »Personen« sind abgespaltene Teile von ihr, entstanden durch schwere Traumata: vom Vater gequält und vergewaltigt, von der Mutter mal liebevoll, mal grausam behandelt, von den Eltern an einen Kinderpornografie-Ring »verkauft«, konnte Sarah nur überleben, indem sie sich aufspaltete, ihr »Ich« aufgab und jeweils neue »Personen« schuf, die mit der Gewalt umgehen und die Erinnerung daran speichern mussten. Dieses Buch erschien erstmals 1995 und war damals das erste deutschsprachige Sachbuch zum Thema »Multiple Persönlichkeitsstörung« bzw. »Dissoziative Identitätsstörung«. Diese Ausgabe ist ein durchgesehener Nachdruck des inzwischen zum »Klassiker« gewordenen Buches.



Inhalt

Einleitung
Was eine multiple Persönlichkeit durchgemacht hat
Die Geschichte der Multiplen Persönlichkeitsstörung
Heutige Definition der Multiplen Persönlichkeitsstörung

Kapitel 1: Wie entsteht eine multiple Persönlichkeit
Erste Voraussetzung: Weibliches Geschlecht
Zweite Voraussetzung: Gut dissoziieren können
Dritte Voraussetzung: Schwerste Kindheitstraumata
Vierte Voraussetzung: Niemand hilft

Kapitel 2: Die Täter
Es bleibt alles in der Familie: Väter, Großväter, Brüder, Onkel ... als Täter
Es sollen auch andere ihren "Spaß" haben: "Kinderfreunde", Kumpels, zahlende Fremde
Die Herren vom organisierten Verbrechen: Produzenten (und Kunden) von Kinderpornografie, Zuhälter, Dealer, Waffenschieber
Frauen als Täterinnen und Mittäterinnen

Kapitel 3: Das Grauen pur: Sekten, destruktive Kulte und rituelle Misshandlung
Ein "satanisches" Ritual
Was sind, was wollen destruktive Kulte?

Kapitel 4: Das normal-verrückte Leben als multiple Persönlichkeit
Was es bedeutet, Zeit zu verlieren
Was es bedeutet, Stimmen zu hören
Was es bedeutet, sich nicht allein im Körper zu fühlen
Was es bedeutet, verschiedene Handschriften, Kleidungsstücke, Vorlieben und Freunde zu haben
Was es bedeutet, "übersinnliche" Fähigkeiten zu haben (Déjà-vu, Telepathie etc.)
Was es bedeutet, sich ständig verstellen zu müssen
Was es bedeutet, permanent Angst zu haben

Kapitel 5: Wer ist multipel - und wer nicht? Diagnostik

Kapitel 6: Einige Ratschläge für multiple Persönlichkeiten und alle, die mit ihnen zu tun haben
Wenn Sie selbst multipel sind oder den Verdacht haben, Sie könnten es sein
Wenn Sie LebenspartnerIn einer multiplen Persönlichkeit sind
Wenn eine multiple Persönlichkeit Kinder hat
Wenn jemand in Ihrer Verwandschaft bzw. in Ihrem Bekannten- und Freundeskreis (vielleicht) multipel ist
Wenn Sie BeraterIn bzw. PsychotherapeutIn einer multiplen Persönlichkeit sind

Kapitel 7: Die Psychotherapie mit multiplen Persönlichkeiten
I. Aufbau der therapeutischen Beziehung und Stabilisierung

Kapitel 8: Die Psychotherapie mit multiplen Persönlichkeiten
II. Förderung der inneren Kommunikation

Kapitel 9: Die Psychotherapie mit multiplen Persönlichkeiten
III. Programmierung und De-Programmierung

Kapitel 10: Die Psychotherapie mit multiplen Persönlichkeiten
IV. Traumabearbeitung

Kapitel 11: Die Psychotherapie mit multiplen Persönlichkeiten
V. Integration und Fusion der "Persönlichkeitsanteile", nachintegrative Arbeit


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Leseprobe

Was bedeutet, permanent Angst zu haben

Die Hauptgefühle einer multiplen Persönlichkeit sind Panik und Entsetzen. Die Welt ist ein Ort voller potenzieller Auslöser. Auslöser, die im Innern der Multiplen ein wüstes Durcheinander bewirken und "Switches", also "Personenwechsel" herbeiführen können. Die Welt ist, mit anderen Worten, voller Erinnerungen. Erinnerungen, die angetippt werden, wenn ein Mädchen mit Pferdeschwanz die Straße entlanggeht, ein Magnolienbaum blüht, eine Polizeisirene losgeht, ein Krankenwagen vorbeifährt, wenn jemand zu ihr sagt, sie sei "süß" oder "lieb", wenn sie frisch gebackenes Brot riecht, wenn sie Milch trinkt, wenn sie ein Baby schreien hört, wenn jemand sie berührt, wenn sie den Wagen einer bestimmten Automarke sieht - wenn irgendetwas geschieht, das irgendwie mit irgendetwas in ihrem Innern korrespondiert, und die Reihe der Dominosteine zu fallen beginnt.

Dann nämlich werden Bestandteile von Traumasituationen, ohne dass sie irgendetwas dagegen unternehmen kann, re-assoziiert, also wieder zusammengefügt, die vorher abgespalten waren. Dann kommt es nicht selten zu einem "Flashback", und die Hauptgefühle beim Wiedererleben einer Traumasituation sind Panik und Entsetzen. Irgendein Bestandteil dessen, was sie in der Außenwelt sieht, hört, riecht, schmeckt oder fühlt, kann dazu führen, wie es eine meiner multiplen KlientInnen zu sagen pflegt, "dass da innen der Punk abgeht". Dann kommt eine "Person" näher an die Oberfläche (oder mehrere gleichzeitig), die diese Auslöser kennt. Wie aufs Stichwort ist sie da, gleichgültig, welches die Erfordernisse der Situation sonst noch sein mögen. Plötzlich sitzt ein "Kind" am Steuer des Wagens, ein "Baby" plappert in der Kollegenrunde, ein rabiater "Beschützer" befreit sich mit Gewalt aus einer Umarmung, ein "Zerstörer" richtet das Zwiebelmesser aufs eigene Handgelenk oder versucht aus dem Fenster zu springen, oder schlägt mit aller Wucht den Kopf gegen die Wand etc.

Nicht allen Multiplen ist alles davon schon einmal passiert, den meisten aber hin und wieder das eine oder andere. Und mehr. Entscheidend für die permanente Anwesenheit von Angst in hochdissoziativen Menschen sind:
- die große Zahl potenzieller Auslöser für "Personenwechsel" in der Außenwelt (Außenreize)
- die große Zahl möglicher neuer Traumasituationen (erneute Traumata mit neuen Außenreizen, aufgrund der Spaltung nicht vorhersehbar)
- die große Zahl potenzieller Reaktionen im Innern sowie die große Zahl der Erinnerungsbestandteile, die spontan in Gewalt von (Tag-)Träumen, Visionen etc. ins Bewusstsein schwemmen (Innenreize)
- die große Zahl der durch Amnesiebarrieren (Nicht-Wissen) voneinander getrennten Anteile, die in für sie völlig unübersichtliche Situationen geraten können und möglicherweise "Unsinniges" oder Gefährliches tun oder reden
- und, vor allem: die Tatsache, dass sie sich selbst nicht glauben.

Multiple Persönlichkeiten leben in ständiger Angst, entdeckt, enttarnt, als "Lügnerin" oder "Verrückte" erkannt zu werden. Sie glauben sich selber nicht ("Ich erfinde das alles nur"), sie trauen sich nicht über den Weg ("Nie kriege ich alles mit, irgendetwas in mir klinkt dauernd aus"), sie haben Angst, sich jemandem anzuvertrauen, aus Furcht, als "Bekloppte" zu gelten oder "in die Klapse" eingewiesen zu werden. Und sie haben diese Furcht nicht nur, weil sie wissen, dass andere Menschen das, was sie erleben, für "verrückt" halten würden. Sondern weil sie sich selbst für verrückt halten. Gerade die Tatsache, dass Dissoziative sich in der Regel selbst nicht trauen und nicht gelernt haben, dem zu glauben, was die Innenbilder und -stimmen ihnen an Wahrheiten vermitteln, macht ihnen so viel Angst.

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Autoren Information

Michaela Huber, Jahrgang 1952, ist psychologische Psychotherapeutin, Supervisorin und Ausbilderin in Traumabehandlung. Sie ist seit deren Gründung 1. Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Trauma und Dissoziation und Mitbegründerin des Zentrums für Psychotraumatologie in Kassel. 2008 erhielt sie für ihren Einsatz für traumatisierte Menschen das Bundesverdienstkreuz.

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