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Gerstendörfer, Monika
Der verlorene Kampf um die Wörter
Opferfeindliche Sprache bei sexualisierter Gewalt. Ein Plädoyer für eine angemessenere Sprachführung

1. Auflage, 2007.03.07
176 Seiten, Kartoniert
Format: 17.0 x 24.0cm
ISBN: 3-87387-641-8
ISBN 13: 978-3-87387-641-5

5,00 EUR
"Kinderschänder gibt es nicht!" Was für eine provokant klingende und irritierende Aussage! Doch die wahren Provokateure sind wir. Denn wir alle benutzen solche Unwörter wie "Kinderschänder", "Sextouristen", "Triebtäter", "Sexgangster" und damit eine im wahrsten Sinne des Wortes gewalt-tätige Sprache. Wörter, Begriffe und Namenstäfelchen, die Tat und Täter nicht beim Namen nennen und so die wirkliche Problematik nicht erfassen, sondern die Opfer (nochmals) verletzen, die Taten bagatellisieren und die Täter entlasten. Sprache ist eine perfide Waffe, wenn sie sich gegen die Opfer richtet. Im Problembereich der sexualisierten Gewalt ist das leider die Regel. Die Folgen für Opfer, Täter und die ganze Gesellschaft können so nie ans Tageslicht kommen und einer Problemlösung zugeführt werden. Unsere Sprache spiegelt und schafft Wirklichkeit - eben auch Gewaltwirklichkeit. Und sie verschleiert und bagatellisiert, wenn wir von "Beziehungsdramen" oder "Familienstreitigkeiten" reden, wo es tatsächlich um brutale Morde ging. Immer an der Wirklichkeit (der Opfer) vorbei ... Diese Wirklichkeit wird im Buch ins Zentrum gerückt. So wird deutlich, dass sich Vieles ändern muss. Eben auch unsere Sprachführung. Wir alle können so zum Kampf gegen Gewalt beitragen, denn Sprache ist - genau wie die Menschen, die sie benutzen - lebendig!



Inhalt

Vorwort von Michaela Huber

Allgemeines zur sexualisierten Gewalt

Teil I: Kinder
Betroffene Kinder
Sexualisierte Gewalt hat mit Sexualität nichts zu tun
Kinderprostitution?
Aktivum und Passivum
"Sextourismus"

Kinderpornos?
Die Täterlobby
Praxis der Rechtsprechung
Pädophile und Kinderschänder
Geschändete Kinder
Helfershelfer

Das World Wide Web und das Internet
Das WWW und seine Täter
Das WWW und seine Opfer


Teil II: Frauen
Sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Kinder
Vergewaltigung
Zur Rechtsgeschichte der Vergewaltigung
Frauenschänder

Männliche Ansichten zur "weiblichen Sexualität"
Männliche Ansichten zur "Vergewaltigung in der Ehe"
Beispiele aus der Lebenswirklichkeit: "Ist doch schnell vorbei"

Sprachliche Manipulation in den Medien
Wie aus einem Opfer eine Schuldige gemacht wird - ein Fallbeispiel
Wilde Spekulation anstatt Fakten

Mord
Häusliche Gewalt
Allgemeines zum Thema "häusliche Gewalt"
Der Zyklus der Gewalt


Teil III: Krieg und Frieden
"Es ist halt Krieg ..."
Die Funktionalisierung von Vergewaltigungen durch die Politik während des Zweiten Weltkriegs
Sprachliche Verfehlungen - bis in die Gegenwart

Teil IV: Prostitution und "Zwangsprostitution"
Gewalt gegen Prostituierte
Aus der Rechtsgeschichte
Ansichten über weibliche Sexualität und über Sexarbeit
Gewalterfahrungen von Huren am Arbeitsplatz


Teil V: Noch mehr Gewalt, noch mehr Unwörter
Sexuelle Belästigung und Stalking
Genitalverstümmelung
Zoophilie

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Vorwort

Aus dem Vorwort von Michaela Huber

Erinnern Sie sich noch an Mario Mederake? Doch, Sie erinnern sich ganz bestimmt an den kahl geschorenen Hünen im Trainingsanzug, der - die Hände in den Taschen - gelassen auf dem Dach der Haftanstalt mit zwei Psychologen plauderte, die ihrerseits etwas lächerlich wirkten in ihrem hochgefahrenen Kran-Korb. 20 Stunden verbrachte er so, drohte ein wenig mit Suizid, versuchte auf seinen bevorstehenden Prozess Einfluss zu nehmen (man solle die Gewaltvideo, die er von seinem Opfer und sich selbst gedreht hatte, nicht zeigen) und kam erst herunter, als es ihm in der Nacht zu kalt wurde.

Erinnern Sie sich? Vermutlich wird sein Opfer, das man in den Medien nur "die kleine Stephanie" nannte, sich ihr ganzes Leben lang an jenen vierschrötigen Klotz von Mann erinnern, der die damals Dreizehnjährige auf der Straße einfach packte, sie zu sich nach Hause schleppte, täglich mehrfach vergewaltigte und sadistisch folterte, sie wochenlang in Todesangst versetzte und dabei zwischendurch so tat, als sei er in sie verliebt. Von Stephanie hieß es in den Medien, sie werde das "nie verwinden". Vielleicht doch. Denn immerhin war sie klüger als die Polizei, die sich mehrfach ausgesprochen dumm anstellte (den Namen des vorbestraften Mederake, der nur wenige Häuserblocks vom Entführungsort entfernt lebte, z.B. falsch eingab und ihn so nicht fand). Stephanie verfügt über Resilienzfaktoren, sie ist klug und erfinderisch und sie sorgte dafür, dass sie Zettelchen aus dem Fenster werfen konnte mit klaren Anweisungen, was der Finder damit tun sollte, nämlich die Polizei holen. Die hatte dann leider nichts Besseres zu tun, als zu klingeln und damit das Mädchen bis zum Aufbrechen der Tür wiederum in Todesangst - und echte Todesangst! - zu versetzen. Doch Stephanie kann von sich selbst sagen, dass sie entscheidend zu ihrer Befreiung beigetragen hat; das könnte ihr bei der Verarbeitung helfen.

Als ich Monika Gerstendörfers Manuskript las, fiel mir der mediale Umgang mit Stephanie und Mario Mederake ein. Die Medien interessierten sich sehr für den Täter. Er wurde als "Monster" bezeichnet, aber doch fast respektvoll beschrieben - und auch so behandelt. Die im Kran zu ihm "hochgehobenen" Psychologen sind ein bezeichnendes Bild für den laxen Umgang der Strafverfolgungsbehörden und auch der Medien mit diesem Mehrfachtäter, der die Taten gestanden und dokumentiert hatte und dennoch immer als "mutmaßlicher Täter" bezeichnet wurde. Und Stephanie? Sie hatte sich freiwillig entschieden, bestimmten Medien gegenüber (z.B. dem SPIEGEL) die Taten zu schildern, und wurde mitsamt den Eltern von der Staatsanwaltschaft, dem Anwalt des Täters und von zahlreichen Medien ausschließlich als Opfer gesehen. Tenor: Das arme Mädchen wird nun auch noch von den rachsüchtigen Eltern gezwungen, sich in den schrecklichen Erfahrungen zu suhlen. Danach kann es ihr doch nur schlechter gehen.

Dabei wird übersehen, dass jede/r Gewaltüberlebende eigene Mechanismen hat, sich mit dem Geschehen auseinanderzusetzen. Und es kann sehr gut sein, dass Stephanie den Zorn brauchte, ihn nutzte, um sich über die Schilderungen ihrer eigenen Erfahrungen zu versichern und dazu beizutragen, dass der Täter für immer aus ihrem Leben verschwindet. Stephanie muss eine großartige Jugendliche sein, und man kann ihr nur wünschen, dass sie die Kraft des Zornes und die Klarheit der Aussage nutzen kann, auch weiterhin alles für ihren Selbstschutz zu tun.

Monika Gerstendörfers Buch behandelt das Thema der öffentlichen Wahrnehmung von sexualisierter Gewalt - und konfrontiert sprachlich und inhaltlich verzerrte Bilder mit der Realität. Es ist ein zwar leicht zu lesendes, aber keinesfalls ein einfaches Buch und daher keines, das ich Überlebenden empfehle, die ihre Traumabearbeitung noch nicht abgeschlossen haben, da es von sogenannten Triggern (möglichen Auslösereizen für traumatisches Erinnerungsmaterial) nur so wimmelt. Lesen aber sollten viele dieses Buch, weil es, wie seine Autorin, mutig ist und stark, klar und zornig, aufrichtig und kenntnisreich. Es entlarvt bagatellisierenden Sprachgebrauch, der nicht sagt, was der Täter tut, was mit dem Opfer geschieht und worin die Tat besteht, sondern von "Kinderpornografie" spricht, wo nichts gespielt (Pornos) ist, sondern schlicht sexualisierte Folter an Kindern auf Video gebannt wird. Oder von "Sextourismus", wenn Männer Kinder und Frauen in anderen Ländern vergewaltigen. Sprache zu entlarven ist wichtig, Fakten sind von entscheidender Bedeutung, um wirklich etwas zu verstehen. Daher: Lesen Sie dieses Buch und diskutieren Sie es mit PolitikerInnen. Kämpfen Sie dafür, dass Gewaltüberlebende kostenfrei Therapien bekommen, und zwar nicht nur für einige Stunden. (Für Täter gibt es oft jahrelange Therapien. Ist dieses Ungleichgewicht nicht ungeheuerlich?)

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Leseprobe

Ein Bild sagt manchmal mehr als 1000 Worte

Zusammenhänge zwischen Erleben, Verhalten und Sprachführung kann man besonders effektiv durch die Kopplung von Bild und Wort herstellen. In unserer medialen Gesellschaft ist das inzwischen ganz "normal" und man darf bezweifeln, ob die Menschen den Einfluss, den solche Wortbilder auf ihr Erleben und auf ihr Verhalten haben, noch merken.

Ich spreche von der zunehmenden Sexualisierung von Kindern in den Medien und in der allgemeinen Öffentlichkeit. Daran sind alle beteiligt; ob man nur zusieht oder die Sexualisierung aktiv betreibt und womöglich noch Geld damit verdient.

Denken Sie beispielsweise an diese Shows, in denen Kinder wie Puppen nach dem Vorbild irgendwelcher Popstars verkleidet werden, um dann mit eingeübten Posen von Erwachsenen wie Affen auf dem Jahrmarkt vorgeführt zu werden. Oder an Textilhersteller, die allen Ernstes "sexy" Stringtangas für weibliche Kleinkinder anbieten.

Parallel zur dieser Sexualisierung des Kindes kann man eine "Verkindlichung" der Frau beobachten. Als schön, sexy und anziehend gilt, was möglichst jung ist. Bei manchen Werbespots im Fernsehen schreckt man da offensichtlich vor nichts mehr zurück. So entspricht das angebliche Ergebnis von Produkten gegen Zellulitis dem Phänotyp von Oberschenkeln und Popo einer Zwölf- oder Vierzehnjährigen. Die Botschaft "Erwachsene Frauen sind eher unattraktiv, zumindest ziemlich fehlerbehaftet, aber Kinder sind schön und sexy."

Hier passiert zweierlei: eine Abwertung von Weiblichkeit und eine Sexualisierung der Kindheit bzw. des Kindes. Diese Bild- und Wortbotschaften sind deckungsgleich mit der Argumentation der sogenannten "Pädophilen", die sich u.a. in entsprechenden Internetforen über ihren Ekel gegenüber Frauenkörpern einerseits und den Zauber kindlicher Körper andererseits deutlichst auslassen. Folgerichtig sind "Lolitas" (genauer: ein Lolita-ähnlicher Phänotyp) attraktiv, normale Frauen nicht.

Diese Bild- und Wortkopplung hat Auswirkungen auf das Erleben und das Verhalten von Frauen und Mädchen. Immer mehr Frauen versuchen, wie junge Mädchen auszusehen und sorgen sich täglich um ihre Orangenhaut o.Ä. Und immer mehr Mädchen versuchen, mit Make-up und Kleidung möglichst erwachsen auszusehen.

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Pressestimmen

"Wir, die wir beide bereits seit Jahren im Bereich der Menschenrechte tätig sind, wissen, wie wichtig der richtige und eindeutige Umgang mit Sprache insbesondere bei Themen wie Gewalt und Missbrauch ist. Sprache ist zweifellos ein elementares Instrument zur Etablierung und zur Veränderung von Einschätzungen, Normen und Werten im Hinblick auf kulturelle, gesellschaftliche, soziale und zwischenmenschliche Phänomene. Auch beim Thema sexualisierter Gewalt war und ist die Frage nach der angemessenen begrifflichen Fassung dieses Phänomens daher immer wieder Gegenstand der
fachlichen Diskussion. So muss stets von neuem gefragt werden, inwieweit die sprachliche Darlegung von Ereignissen, Handlungen und Erfahrungen das gesellschaftliche Problembewusstsein fördert oder aber Verharmlosung der
Tathandlungen und Belastungen der Betroffenen Vorschub leistet.

Mit Ihrem Buch leisten Sie deshalb einen wichtigen Beitrag, um die Bedeutung der Sprache vor allem im Zusammenhang von Kindern und Gewalt sowie Frauen und Gewalt aufzuzeigen. Die Lektüre Ihres Buches kann einen Eindruck vermitteln, wie Sprache Realität im Bereich sexualisierte Gewalt verzerrt und damit zu Lasten von Betroffenen und zu Lasten von Vorbeugung gereicht. Ihre Forderung, Tat und Täter zukünftig als solche klar zu benennen und weder Taten noch Opfer zu sexualisieren, damit Sprache nicht weiterhin zur Waffe gegen die Opfer wird, unterstütze ich nachdrücklich. Ich wünsche Ihrem Buch viel Erfolg, also viele Leserinnen und noch mehr Leser."

Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin, MdB
Bundesministerin a. D.
Vors. des Ausschusses für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe

"Bücher, die die Welt jetzt braucht: Der verlorene Kampf um die Wörter von Monika Gerstendörfer. (...) Immer an der Wirklichkeit (der Opfer) vorbei ... Diese Wirklichkeit wird im Buch ins Zentrum gerückt. So wird deutlich, dass sich Vieles ändern muss. Eben auch unsere Sprachführung. Wir alle können so zum Kampf gegen Gewalt beitragen, denn Sprache ist - genau wie die Menschen, die sie benutzen - lebendig!" - www.pressebuero-nord.blog.de


"Monika Gerstendörfer nimmt uns die Binden von den Augen und die Stöpsel aus unseren Ohren. Sie deckt unsere unangemessene Sprachführung auf. Sie zeigt uns, wie wir durch die Übernahme falscher Begriffe an den Opfern schuldig werden." - FrauenRat

"Monika Gerstendörfer beleuchtet hier einen sehr wichtigen, aber oft vergessenen Blickwinkel im Umgang mit Opfern sexualisierter Gewalt und zeigt ganz deutlich die Grenzen der Berichterstattung und die opferfeindliche Haltung in unserer Gesellschaft auf. Dabei gelingt es ihr, wichtiges Wissen zu vermitteln, ohne sich in verwissenschaftlicher Theoretisierung zu verlieren, sondern immer engagiert und verständlich in konkreten Beispielen den bagatellisierten Sprachgebrauch aufzudecken. Ein Muss für JournalistInnen, TherapeutInnen und alle anderen Fachkräfte, die mit dieser Thematik konfrontiert sind." - Aviva-Berlin

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Autoren Information

Monika Gerstendörfer, 1956-2010, Dipl.-Psych., Menschenrechtlerin und freie Autorin, studierte Sprachwissenschaft, Psychologie und Psycholinguistik; arbeitete zunächst in der Wissenschaft und danach viele Jahre aktiv in Menschenrechtsorganisationen (Terre des Femmes e.V., Deutscher Akademikerinnenbund, Forum Menschenrechte, Lobby für Menschenrechte e.V.), im "Observatory against Violence on Women" der Europäischen Frauenlobby, im Europarat und als Sachverständige bei Anhörungen auf EU-, Bundes- und Landesebene. 2005 wurde sie mit den "1000 Women for Peace" für den Friedensnobelpreis nominiert.

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Herman, Judith
Die Narben der Gewalt
Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden

ISBN: 3-87387-525-X

27,50 EUR

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