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Herbst, Thorsten
Die kindliche Einsamkeit
Wie sie entsteht, welche Konsequenzen sie hat ... und worin unsere Verantwortung besteht

1. Auflage, 2010.05.04
368 Seiten, Kartoniert
Format: 17.0 x 24.0cm
ISBN: 3-87387-745-7
ISBN 13: 978-3-87387-745-0

29,90 EUR
Wann ist ein Kind einsam? Was löst diese Einsamkeit aus? Ist es nicht auch die Einsamkeit des Erwachsenen, die er seit seiner Kindheit in sich trägt und nicht mehr empfinden kann oder darf? Mit diesem Buch wird ein völlig neues Themenfeld in der Kindheitsforschung eröffnet. Erstmals wird die kindliche Einsamkeit als geheim gehaltenes soziales Phänomen innerhalb unserer Gesellschaft aufgedeckt. Der Begriff der "Sozialen Mindestgeste" dient dabei als Schlüssel für das Verständnis von Einsamkeitserfahrungen. "Auf einer wissenschaftlichen >Spurensuche< entdeckt und analysiert das vorliegende Buch kindliche Einsamkeit. Mit dem Begriff der >Sozialen Mindestgeste< gelingt es Thorsten Herbst, Erwachsenen die Möglichkeit eines Perspektivenwechsels zu eröffnen, der Chancen bietet, Kindern bei ihrer Suche nach Aufmerksamkeit und Glück hilfreich zur Seite zu stehen. In einer Zeit schnellen Wandels ist dies ein kaum zu überschätzender Beitrag zu Bildungsgerechtigkeit." - Prof. Dr. Hilmar Hoffmann, Universität Osnabrück



Inhalt

Phänomene und Phantome einer Spurensuche. Grundlegende Definitionen des verwendeten Begriffsinventars
Was ist ein Phänomen kindlicher Einsamkeit?
Was ist ein Phantom kindlicher Einsamkeit?
Kindliche Einsamkeit in der Kinder- und Jugendliteratur

Wie kann die Einsamkeit für die Gemeinsamkeit entdeckt werden?

Psychologische Aspekte: personelle Bedingungen des Kindes
Das Phänomen der Einsamkeit als Gegenstand der psychologischen Forschung. Eine Übersicht
Die kindliche Einsamkeit im Spiegel der psychologischen Forschung
Das Phänomen der Abwendung der Wissenschaft von der Tatsache der kindlichen Einsamkeit. Ein Phantom oder ein Phänomen?
Beziehungsaspekte: Bindungstheorien und ihre Folgen
Was ist eine gute Bindung? Die Entstehung der Sozialen Mindestgeste
Die Austauschtheoretische Konzeptualisierung
Kommunikation, Selbstwert und Kongruenz: Wie kann kindliches Verhalten Einsamkeit anzeigen?
Der Ausschluss vom Selbst. Die tiefe Begründung für kindliche Einsamkeit?

Soziologische Aspekte: strukturelle Bedingungen des Kindes. Gibt es einen Ort für kindliche Einsamkeit?
Problemschwerpunkte in Bezug auf kindliche Einsamkeit
Kindheit heute zwischen Protektionismus und Pathologisierung
Zum Problem der Stigmatisierung
Zum Problem der Individualisierung von Kindheit
Einsamkeit durch die Familienform
Kind und Wohnen. Einsamkeit durch Wohnortwechsel
Das Einzelkind. In der Einsamkeitsfalle?
Einsamkeit unter Geschwisterkindern
Eisame Kinder im Schatten eines behinderten Geschwisterkindes
Das Kind im Krankenhaus
Kinder erfahren Verlust, Trauer und Tod
Das Trennungs- und Scheidungskind
Kindheit und Medienkonsum
Kind und Schule. Kinder werden Schulkinder
Das Kind innerhalb der Schule. Die Entdeckung der Freundschaft
Das Phänomen der Ausgrenzung
Zur Suizidalität von Kindern und Jugendlichen

Pädagogische Aspekte. Der Kaspar-Hauser-Effekt

Ergebnisse der interdisziplinären Betrachtung

Einnehmen einer kindlichen Perspektive
Die Wahrnehmende Beobachtung
Aussöhnen mit dem inneren Kind

EMPIRISCHER UNTERSUCHUNGSTEIL

Methodenteil
Datenquelle/Probanden
Fragebogendesign
Zur Auswahl der Fragen
Methodisches Vorgehen
Methodologische Anregungen aus der Interpretativen Sozialforschung
Methodologische Anregungen aus biografischen Methoden in den Humanwissenschaften. Die Heuristische Methodologie und ihre vier Regeln
Methodologische Anregungen aus der Grounded Theory
Beschreibung der fragespezifisch methodischen Vorgehensweise des empirischen Teils der Arbeit

Auswertungsteil
Frage 1: Unter welchen Umständen sind Kinder Ihrer Meinung nach einsam?
Zu Frage 2: Wie haben Sie selbst Einsamkeit als Kind erlebt?
Zu Frage 3: Woran hätten Erwachsene Ihre Einsamkeit bemerken können?
Zu Frage 4: Hat jemand in Ihrer Kindheit Ihre Einsamkeit bemerkt und Ihnen geholfen?
Zu Frage 5: Wie denken Sie heute über diese Erfahrung der Einsamkeit?
Ergebnisse einer Seminarevaluation zum Thema kindliche Einsamkeit

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Vorwort

Die Einsamkeit des Menschen ist ein großes Thema, beschäftigt Literaten, Philosophen, Künstler, Musiker und Geisteswissenschaftler seit jeher und tritt durch diese in unterschiedlichsten Formen der Darstellung von erlebter Einsamkeit zu Tage. Es ist ein Thema, das alle Menschen betrifft, zwingt jedoch jeden Einzelnen zu einer persönlichen Auseinandersetzung. Wann diese stattfindet, entscheidet ein jeder ganz für sich. Nicht immer freiwillig. Mein eigenes, lang gehegtes Interesse für dieses Thema fand bisher keinen angemessenen Rahmen für eine ernsthafte Auseinandersetzung, bis ich, durch etliche Hinweise während des Studiums und einer spürbaren Abwehrhaltung gegen das Thema einer möglichen kindlichen Einsamkeit neugierig gemacht, auf Recherche ging, und sehr wenig in der Forschungsliteratur fand. Im Grunde genommen fand ich fast nichts. Das war der Beginn dieser Spurensuche. Mit dem Begriff Spurensuche ist der Versuch gemeint, das, was im weiteren Verlauf "Kindliche Einsamkeit" genannt werden soll, zu erfassen. Um mögliche Erscheinungsformen von kindlicher Einsamkeit sichtbar zu machen und Umstände, die ein Kind Einsamkeitserfahrungen aussetzen, aufspüren zu können, soll zunächst die Sprache selbst auf Hinweise, die zu kindlicher Einsamkeit führen könnten, untersucht werden. Dazu dienen hauptsächlich Beispiele aus der Kinder- und Jugendliteratur, die zahlreiche "einsame Helden" aufweisen, ohne die Protagonisten explizit als einsam zu bezeichnen. Es existiert eine Fülle von Beispielen potentiell einsamer "Helden" in Kinder- und Jugendbüchern. Damit stellt diese Literaturgattung einen ergiebigen Quell für eine ausführliche Untersuchung zur Verfügung.

Der interdisziplinäre Ansatz dieser Arbeit zieht sowohl psychologische wie auch soziologische und pädagogische Aspekte, die für die Entstehung und die Aufrechterhaltung der kindlichen Einsamkeit von Bedeutung sein könnten, in Betracht. Es werden die personellen und strukturellen Bedingungen der kindlichen Lebenswelt differenziert untersucht. Im pädagogischen Teil der Untersuchung wird auf eine historische Dimension der Erziehungsgeschichte verwiesen und wie Erziehungspraktiken fortlaufend kindliche Einsamkeit erzeugt haben und weiterhin erzeugen. Anschließend sollen Konzepte vorgestellt werden, mit deren Hilfe die Erfassung und die Auseinandersetzung mit Einsamkeit von Kindern unter professionellen Bedingungen erleichtert werden könnten.

Im empirischen Untersuchungsteil werden biografische Selbstaussagen von erwachsenen Personen zu ihren Einsamkeitserfahrungen als Kinder untersucht. Mittels dieses methodischen Vorgehens soll ein erster Versuch unternommen werden, sich der Kindheit als Forschungsgegenstand aus der Sicht des Erwachsenen anzunähern und bis dahin unzugängliche Aspekte, wie die kindliche Einsamkeit, freizulegen und das Thema weiteren Forschungsbemühungen zugänglich zu machen. Die Ergebnisse des theoretischen Untersuchungsteils werden dabei mit den Ergebnissen der Fragebogenauswertung in Bezug gesetzt, kritisch reflektiert und für die pädagogische Praxis nutzbar gemacht.

Leitfragen der Arbeit
1. Gibt es kindliche Einsamkeit, in welchen Formen tritt sie auf und wie lässt sie sich beschreiben?
2. Welche zwischenmenschlichen Verhaltensweisen dienen der Entstehung und Aufrechterhaltung dieser Form von Einsamkeit?
3. Welche Mechanismen liegen diesem Verhalten zu Grunde?
4. Welchen Auswirkungen und Folgen haben Einsamkeitserlebnisse für Kinder?
5. Welche Auswirkungen und Folgen könnten sie für den weiteren Lebensvollzug von Kindern bis ins Erwachsenenalter hinein haben?
6. Welche zwischenmenschlichen Verhaltensweisen lassen sich zur Verringerung oder Verhinderung dieses Phänomens denken?

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Leseprobe

Als Folge der Beschreibung von möglichen Phänomenen kindlicher Einsamkeit stellt sich eine emotionale, empathische Empfindung zu dem Gegenstand unmittelbar ein. Es wird etwas über das bisher Gesagte hinaus spürbar, etwas, das mit den bisherigen Worten nicht erschöpfend genug bezeichnet werden konnte. Formen der kindlichen Einsamkeit werden spürbar, ohne dass bisher explizit von ihnen die Rede war. Erfahrbarkeit über das bisher Erfassbare hinaus. Das Phantom der kindlichen Einsamkeit ist spürbar, aber nicht für jeden in gleichem Maße, an derselben Stelle und zur gleichen Zeit. Ein "emotionales Wissen" über das phänomenologisch Erfassbare hinaus kann sich einstellen, ist bisher aber durch keinerlei wissenschaftliche Methode gesichert worden. Unter Umständen muss eine Phase der "Unfassbarkeit" ausgehalten werden, bis sich aus dem rein vorsprachlich-sinnlichen ein sprachlich-sinnvolles Äquivalent ergibt. Die Konsensfähigkeit ist zunächst schwach. Bezogen auf kindliche Einsamkeit ist diese zunächst bloß spürbar und wird anschließend erst sprachlich fassbar gemacht und als mögliches Argument hinzugezogen, um eine zusätzliche Sättigung des Einsamkeitsbegriffes zu erzielen. Verdichtende Beschreibung entsteht im Wechselspiel von rationalem und emotionalem Erfahren und Erfassen.

Phänomene kindlicher Einsamkeit beschreiben im Verlauf der Untersuchung die Möglichkeit des Einsamkeitserlebens von Kindern auf Grund konkreter Verdachtsmomente aus der wissenschaftlichen Literatur. Sie sammeln Spuren wie Indizien. Davon ausgehend, sollen uns Phantome in jenes emotionale Mitschwingen versetzen, das spürbar macht, welche Ausprägungen kindlicher Einsamkeit hinter dem jeweils Beschriebenen liegen könnten. Nicht rein spekulativ, sondern mit dem ausgestattet, was durchaus relevant und methodisch akzeptabel sein kann, dem intuitiven Gespür für eine "Geschichte hinter der Geschichte", bei der das Erspüren die zweite Achse der Methode darstellt und sie elementar ergänzt. Die Spurensuche hält den Pfad, der zwischen diesen Begriffen entsteht, offen und weit, schlägt neue Schneisen und eröffnet neue Blicke.

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Pressestimmen

"Schon vor zehn Jahren konstatierte der Einsamkeitsforscher und Psychologe Eberhard Elbing in seiner Studie >Einsamkeit< ein >eklatantes Defizit an empirischen Studien, welche sich explizit dem Phänomen der kindlichen Einsamkeit widmen<. Wie es scheint, hat sich seither nicht viel verändert. Der Erziehungswissenschaftler Thorsten Herbst zeigt in einer interdisziplinären Arbeit zum Thema, dass das Prinzip Wegschauen immer noch gilt und dass seit Elbings Bestandsaufnahme erstaunlich wenige Studien hinzugekommen seien." - Psychologie heute 

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Autoren Information

Dr. Thorsten Herbst, Jahrgang 1963, widmete sich über sein gesamtes bisheriges Berufsleben dem Verständnis und der Förderung der kindlichen Entwicklung: als Zivildienstleistender, als Logopäde und nach dem Studium der Erziehungswissenschaften auch als Diplom-Pädagoge. Er ist als Ehe-, Paar- und Familienberater sowie als Dozent für Erziehungswissenschaften und pädagogische Professionalisierung an verschiedenen deutschen Universitäten tätig. Der Autor lebt mit seiner Familie in Köln.

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